Samstag, 26. Februar 2011

26.02.11 Dresden-Moritzburg-Auer-Friedewald-Radebeul-Dresden

Die ganze Woche lang habe ich mich um fünf Uhr aus dem Bett gequält, und heute, am Sonnabend, bin ich schon halb fünf hellwach! Ich beschließe, das auszunutzen: zuerst mache ich ganz geruhsam Yoga, und beim Frühstück überlege ich mir, wohin ich heute mit dem Rad fahre.

Ich starte kurz nach sieben, um die Stadt Richtung Wilder Mann/Boxdorf zu verlassen. So warm habe ich mich wohl noch nie fürs Radfahren angezogen: zwei bis drei Schichten Funktionskleidung, warme Mütze, warme Handschuhe, zwei Paar warme Funktionssocken unter den Winterlaufschuhen. Bei fünf Grad Minus ist das nicht zu viel. Es ist noch ruhig auf den Straßen. Am Heidefriedhof wechsle ich die Straßenseite und komme bald an der Baumwiese an. Die Sonne geht auf: welch blauer Himmel, welch prächtiger Vorfrühlingsmorgen! Am Boxdorfer Berg steige ich ab und schiebe mein Rad. Diese Steigung muss erst einmal genommen werden, um aus dem Elbtal heraus zu kommen. Oben angelangt, hat man bald schöne Ausblicke. Ich fahre links herum, die Moritzburger Landstraße entlang, die direkt zum Moritzburger Schloss führt. Nachmittags wäre diese Strecke nicht zu empfehlen, aber in den Morgenstunden kann man das schon mal machen. So lange es dort relativ ruhig ist, fährt es sich sehr schön; man kann die Schaltung durchspielen. Die Sonne lässt die kahlen Bäume golden erstrahlen, und die Wiesen glitzern vom Raureif. Links und rechts der Straße sanftes Hügelland, an das sich Häuser schmiegen. Wiesen und Bäume sind noch in Dunst gehüllt. Ich erinnere mich an frühere Radtouren und bin unglaublich froh, wieder unterwegs zu sein.

Es geht Hügel hinauf und wieder hinunter. Stellenweise gibt es Löcher im Straßenbelag, wo man als Radfahrer aufpassen muss. Der Fahrtwind zwickt, und mir kommen die Tränen. Da kann man nur schnell zwinkern: das wird auf der Haut brennen. Heute hätte ich meine Sportbrille mitnehmen können, aber das wollte ich nicht; ich brauche jeden Sonnenstrahl.

Da taucht schon das Schloss auf: was für ein herrlicher Anblick! Ich halte mich rechts und biege erst einmal ab. Es gibt da eine Stelle, von der man schön fotografieren kann. Die Teiche sind zugefroren. Ich möchte einen Bogen um das Schloss herum fahren. Die ganze Zeit ist dort kein Mensch außer mir. Erst an der Kalkreuther Straße sehe ich einen Spaziergänger mit einem Hund. Natürlich will ich auch meinem Lieblingsteich, dem Sophienteich, einen Besuch abstatten und ein Vorfrühlingsfoto machen. Von zwei Buchten aus kann ich auf die Eisfläche schauen. Vorfrühling? Es ist doch noch Winter. Keine Enten, keine platschenden Fische. Deren Laute, die sonst weit über den See dringen, machen die Stille erst bewusst. Aber heute ist es anders; die Tierwelt verharrt noch im Winterschlaf. Ich steige wieder aufs Rad. Es wird Zeit, dass ich kräftig in die Pedalen trete, denn Füße und Hände werden kalt. Ich möchte über Weinböhla zum Elberadweg fahren, habe aber schon gelesen, dass dort gesperrt ist. Meine Karte zeigt einen Weg, der von Auer aus ins Elbtal führt, und den möchte ich nehmen. Auf der Landstraße Richtung Auer ist ziemlich viel los. Die Autofahrer rasen wie die Wahnsinnigen. Für mich ziehen sich die drei Kilometer in die Länge; ich fahre dort sehr ungern und hoffe auf den Abzweig. Es gibt Waldwege ohne Markierung und Richtungsangabe. In Auer sehe ich die Bescherung: mein Weg scheint nicht mehr zu existieren. Links von mir eine Straßensperrung, dahinter eine riesige Baustelle. Ich fahre noch ein Stück über die Kreuzung hinweg. 12 Kilometer bis Weinböhla: bei diesem Verkehr wäre das purer Leichtsinn. Als Nicht-Autofahrerin erlebe ich immer mal Überraschungen unterwegs.

Ich biege nach rechts in eine Nebenstraße ein und hoffe, vielleicht Richtung Steinbach fahren zu können. Aber es geht wieder rechts herum zur Kreuzung, an der ich vorher schon war. Eine Frau mit Kinderwagen fährt die entstehende Straße entlang. Gebaut wird heute offenbar nicht. Also versuche ich mein Glück und fahre dort hinein. Ich halte mich links, wo ein Weg abzweigt, und hoffe, Richtung Elbtal zu kommen. Nach ein paar Metern stehe ich an einem Abhang und sehe, dass hier nichts mehr ist, wie es einmal war. Breite Schneisen sind in die Landschaft geschlagen worden. Etwas, das nach Autobahnzubringer oder Schnellstraße aussieht, wird gebaut; eine Asphaltwüste breitet sich aus, weiter vorn sind schon Leitplanken. Ich kehre wieder um und muss erst einmal die schreckliche Landstraße zurück fahren. Irgendwo muss es doch weiter gehen!

Ich will jeden Waldweg probieren, bis ich durchkomme. Da biegt ein Weg ab – nichts wie runter von der Straße! Die Erde ist hartgefroren, und es holpert beim Fahren. Es ist auch deutlich kälter als auf der Straße. Der Weg führt zunächst geradeaus, dann links herum Richtung Moritzburg. Ich sehe eine Lichtung vor mir, die mir bekannt vorkommt. Wir sind früher einmal durch den Wald nach Radebeul gefahren. Ich fahre dort entlang, wo ich den Weg vermute. Da heult eine Motorsäge, und als ich näher komme, sehe ich erneut die Baustelle. Sind die denn wahnsinnig? Muss hier alles verschandelt werden? Kann man nicht einmal Fuß- und Radwege übrig lassen?

Ich fahre wieder links herum, und nach ein paar Metern sehe ich ein Hinweisschild zum Schloss Moritzburg und zum Elberadweg! Der Weg führt aus dem Wald heraus, über das Hügelland hinweg; links ist der Kirchturm von Moritzburg zu sehen. An der nächsten Wegkreuzung gibt es einen Abzweig nach Radebeul, Hoflößnitz. Endlich! Diesen Weg kannte ich noch nicht. Es geht an den Dippelsdorfer Teichen vorbei nach Friedewald. Ich liebe diese beruhigende Landschaft sehr, und Friedewald ist genau so idyllisch, wie der Name verspricht. Man fährt in den Ort hinein und muss bald wieder scharf rechts herum fahren, wo der Radweg ausgeschildert ist. Aber auch dort haben Schnellstraßen die Landschaft zerschnitten. Der Radweg verläuft durch eine Unterführung, über Wiesen hinweg und wird schließlich zum Pfad. Zwischen Häusern hindurch, eine Stufe hinauf - durchweg fahren kann man da nicht. Dann geht es steil bergab in den Lößnitzgrund. Ich muss beim Schieben die Handbremse ziehen, damit mich das Rad nicht hinab reißt. Hinunter fahren möchte ich dort nicht.

Im Lößnitzgrund ist es sehr kalt, aber wenigstens kenne ich von nun an den Weg. Es geht an den Schienen der Lößnitzgrundbahn entlang. Als die Kinder noch klein waren, sind wir regelmäßig mit ihnen „Bimmelbahn“ gefahren. Dieses Erlebnis ist uns zu teuer geworden, und mit dem Fahrrad ist man unabhängig. Ich kreuze die Kleinbahn-Schienen zweimal, und am Abzweig zum Bilzbad verlasse ich die Straße. Den Weg am Bach entlang kann man auch mit dem Rad fahren. Das Bilzbad ist im Sommer sehr zu empfehlen. Eine Bank am Weg ist zerstört worden, ein Schild umgerissen, und ein Brückengeländer ist demoliert worden. Radebeul ist eine wohlhabende Stadt mit vielen Villen, und mich schockieren diese Zeugnisse von Vandalismus mehr als in Dresden, wo man so etwas eher erwarten würde. Ich habe den Radweg wohl verloren, denn in Radebeul sehe ich zunächst keine Markierung mehr. Ich finde mich zurecht, aber Ortsunkundige müssten wohl raten, wie es weiter geht. Erst zur Meißner Landstraße, diese ein paar Meter landwärts bis zu den Landesbühnen, und dort ist alles gut ausgeschildert. Ich überquere die Straße und fahre Richtung Elbe. Genau dort, wo die Baustelle anfängt, treffe ich auf den Elberadweg und mache noch ein paar Fotos am Wasser. Dann wende ich mich heimwärts, denn es ist zu kalt, um länger unterwegs zu sein. Ein Kormoran möchte sich von mir nicht fotografieren lassen. Über Serkowitz und Kaditz gelange ich nach Hause. Insgesamt können es um die 40 Kilometer gewesen sein; die Strecke ist schwer abzuschätzen. Reich an Steigungen, hat sie mir genügt für heute. Zu Hause muss ich erst einmal die Füße auftauen, was heute deutlich länger dauert.

Fotos

Mittwoch, 16. Februar 2011

16.02.2011 Dresden - Meißen und zurück

Vormittage zuhause verstreichen schnell, selbst wenn man nur ein paar Kleinigkeiten tut. Freilich – ich habe ausgeschlafen. Wäre ich, wie sonst an Wochentagen, um fünf Uhr aufgestanden, hätte ich mehr erledigen können. So etwas ist derzeit nicht angeraten, ich bin erschöpft und deswegen krankgeschrieben. Am nächsten Montag möchte ich wieder arbeiten, und so langsam könnte ich einen Zaubertrank gebrauchen – am besten gleich hineinfallen wie Asterix.

Gegen Mittag kommt die Sonne heraus. Obwohl ein eisiger Wind weht, möchte ich ein Stück Radfahren und probieren, wie das geht. Meine Funktionskleidung leistet mir auch auf dem Rad gute Dienste, ich merke beim Fahren, dass ich mich mit mehreren Schichten richtig angezogen habe. Nur an den Füßen ist es etwas kühl. Ich habe den Wind im Rücken und muss damit rechnen, dass er mir nachher richtig entgegen kracht. Ich setze mir kein bestimmtes Ziel, möchte ein Stück Elberadweg fahren, meine geliebte Strecke, bis Niederwartha, vielleicht bis Coswig. Ich fahre ganz ruhig, schalte auch mal einen Gang herunter, will mich nicht antreiben. Außer mir sind nur wenige Leute unterwegs, ein paar Spaziergänger, einzelne Radfahrer. Der Himmel ist strahlend blau, spiegelt sich im Fluss und in jeder Pfütze auf den Elbwiesen. Das Hochwasser hat Spuren hinterlassen: Schlamm auf dem Weg, Treibgut am Ufer und Stellen, die noch überflutet sind. Ich bin neugierig, ob ich überall durchkomme. Offensichtlich nicht: der Elberadweg ist bei Radebeul noch immer gesperrt. Ich fahre die Umleitung durch Altkötzschenbroda und sehe mich gern dort um. Nicht lange, und die Brücke bei Niederwartha ist in Sicht. Ich fühle mich wohl und befreit wie lange nicht. Die Sonne wärmt und man kann den Frühling schon riechen. Als ich losfuhr, kam ich mir wie ein Gespenst vor und nun spüre ich tatsächlich die Lebensgeister. Auf keinen Fall kann ich schon umkehren! Es geht weiter und ich genieße die Landschaft, die mich umgibt. Fast komme ich mir seltsam vor, dass mich diese bekannte Strecke immer wieder beglückt – aber ein solches Geschenk sollte man nicht in Frage stellen.

Zweimal steige ich ab, um zu fotografieren. Es sind immer die gleichen, immer wieder schönen Motive. Dann sehe ich die Bosel vor mir. Es gibt einen Rastplatz, wo man einen schönen Blick hat, aber heute ist es zu kalt zum rasten und ich fahre weiter. Umkehren? Warum? Ich fahre wie von selbst und ahne nur hin und wieder, dass mir der Rückenwind hilft. Solche Tage sind so rar und diesen möchte ich nutzen. Bald bin ich an der Bosel angelangt und somit kurz vor Meißen. Ich kann mein Glück kaum fassen. Laufen kann ich derzeit nicht, der Rücken und die Gelenke wollen nicht so recht. Aber ich kann Radfahren! Bis Meißen, das ist ein guter Start und beim nächsten Mal schaffe ich es vielleicht bis Diesbar. Ein Stück weiter sehe ich schon die Domtürme. Bald stehe ich unterhalb der Eisenbahnbrücke am Ufer und fotografiere Dom und Albrechtsburg. Weiter vorn ist der Weg überflutet. Man könnte einen Umweg fahren, aber für heute soll es genug sein; ich steige wieder aufs Rad und wende mich heimwärts. Wie erwartet, habe ich kräftigen Gegenwind. Meine Mütze könnte etwas dicker sein, und ich hätte wärmere Socken anziehen sollen. Bis nach Hause wird es schon gehen. An manchen Stellen ist der Wind sehr unangenehm, aber stellenweise ist es geschützter. Ich fahre durchweg langsamer und mache hin und wieder eine kurze Pause. Coswig, Radebeul, Kaditz. In den Knien zwickt es ein bisschen, und allmählich bekomme ich Eisfüße, aber es ist nicht mehr weit. Die letzte ungeschützte Stelle an der Autobahnbrücke, das Feld, dann geht es zwischen Häusern weiter bis nach Hause. Dort gibt es erst einmal einen Kaffee zum Aufwärmen. Wenn ich einen Wunsch frei hätte: noch so einen Tag am Wochenende, etwas weniger Wind vielleicht. Aber heute war es sehr, sehr schön und die Lebensgeister bleiben mir hoffentlich erhalten.

Montag, 11. Oktober 2010

10.10.2010 Dresden-Riesa und zurück

Da hatte ich doch den Wecker überhört und verschlafen, wenn auch nur um eine Viertelstunde. Das war nicht weiter schlimm, schließlich kommt es beim Start einer Radtour nicht auf die Minute an. Ich hatte zuvor dies und jenes zu tun, wollte in Ruhe frühstücken, und Sohn Daniel kam auch noch dazu. Bei Kerzenschein fühlte ich mich schon in die Adventszeit versetzt, die ich viel lieber mag als das Weihnachtsfest an sich, und es tat mir ein wenig leid, so früh am Morgen wegzufahren, statt gemütlich mit der Familie in den Tag zu starten. Aber ein sonniger Herbsttag war angekündigt, vielleicht die letzte Gelegenheit in diesem Jahr zu einer größeren Radtour, und die wollte ich nutzen.

Kurz nach sieben fuhr ich in einen stimmungsvollen Morgen. Dünne Nebelschleier lagen über den mit Raureif bedeckten Wiesen. Es war kalt geworden, vier Grad über Null, und ich hatte mich dementsprechend angezogen. In Serkowitz gibt es eine kleine Umleitung durch Nebenstraßen, die anfangs beschildert ist. Mein Sohn hatte mich darauf hingewiesen und mir gesagt, wie ich fahren musste. Als ich wieder an der Elbe war, ging die Sonne auf. Rings um einen Rastplatz lagen Scherben verstreut – wenn ich sowas sehe, kriege ich Hassgefühle.

Am Fluss entlang, wo der Nebel dichter wurde, war es sehr schön, und die Morgensonne schien golden übers Land. In Erwartung der kalten Jahreszeit nahm ich immer wieder die Kamera zur Hand, um etwas von diesem Herbsttag festzuhalten. Vergänglichkeit gibt allem einen unschätzbaren Wert.

Ich nahm wieder die Umleitung des Elberadwegs über Altkötzschenbroda. Der Nebel verdichtete sich noch mehr. Der Dorfkern war die reinste Waschküche, und an der Elbe sah es nicht besser aus. Die Sichtweite betrug schätzungsweise fünf Meter. Hinter Radebeul schaltete ich das Licht ein und war froh, die Strecke zu kennen. Die Bauarbeiten bei Niederwartha sind so weit fortgeschritten, dass der Elberadweg geradewegs unter der neuen Brücke hindurchführt. Von der Brücke war wegen des Nebels nur wenig zu sehen. Ein paar Pferde, die auf einer Weide standen, wirkten zunächst ein wenig unheimlich, aber vermutlich ging es ihnen mit mir nicht anders, denn sie sahen aufmerksam zu mir herüber. Ich hoffte darauf, dass sich die Sonne bald durchsetzen und den Nebel vertreiben würde, und ab und an sah ich ein wenig Blau über mir. Aber auch hinter Coswig wurde es nicht besser. Ich fuhr auf Meißen zu und konnte weder die Elbe, noch den Himmel oder irgendwelche Details sehen.

Schon unsere Pilzwanderung am Vortag hatte mich ein wenig geschlaucht; am Nachmittag danach hatte ich gefaulenzt, um mich für die Radtour auszuruhen. Von meinem ursprünglichen Vorhaben, erst nach Moritzburg und von dort aus weiter nach Meißen zu fahren, hatte ich abgesehen; solche Runden habe ich mit Sicherheit noch nicht wieder drauf. Mit der Tour, die ich mir wünschte, würde ich völlig ausgelastet sein. Außerdem wollte ich so wenig wie möglich auf Straßen fahren.

Das lange Fahren im Nebel fing an, die Stimmung und auch die Kondition zu drücken. Ich dachte nicht über den weiteren Verlauf der Strecke nach. Erst einmal musste es klar und sonnig werden.

Als ich in Meißen ankam, verschwand der Nebel binnen weniger Sekunden. Dom und Albrechtsburg waren gut zu sehen. Die Elbe hat immer noch einen erhöhten Wasserstand, und unterhalb der Elbbrücke war der Radweg überflutet. Man konnte aber daneben über Pflastersteine gehen und das Rad schieben. Zurück auf dem Radweg, fuhr ich weiter bis zum Rastplatz hinter der Stadt. Es war neun Uhr, und die erste Pause hatte ich eine Weile schon ersehnt. Die Bänke waren nass vom Tau. Hatte ich nun das erste Drittel oder das erste Viertel meiner Tour hinter mir? Das würde sich zeigen. Ich sah das Elbtal vor mir liegen, und auf einmal verließ mich das Bedürfnis, zu pausieren. Ich trank nur kurz etwas und fuhr weiter. Diesbar, dachte ich mir, würde auch ein guter Platz zum Rasten sein.

Der schönste Herbsttag brach an. Nach der Nebelfahrt waren die Eindrücke überwältigend: blauer Himmel, glitzernde Wiesen, buntes Laub. Nur wenige Menschen waren mir bisher begegnet, einige Läufer, vereinzelte Radfahrer. Beinahe windstill war es, die Elbe war spiegelglatt und schimmerte blau. Kurz vor zehn Uhr kam ich in Diesbar an, nahm auf einer Bank in der Sonne Platz und machte zehn Minuten Pause. Die ersten Wanderer waren unterwegs, außerdem Leute mit kleinen Kindern, welche ihre Eltern wahrscheinlich beizeiten geweckt hatten. Ich kann mich auch noch gut an solche Spaziergänge am Morgen erinnern und freute mich umso mehr über die zurückgewonnene Freiheit, da die Kinder erwachsen werden.

Nun war ich wieder energiegeladen und dachte an das, was ich mir beim Losfahren vorgenommen hatte: alles nur Mögliche aus mir herauszuholen, wenn es nötig sein sollte. Weiter vorn sah ich silberne Schornsteine leuchten. Das war Nünchritz! Zweifellos würde ich dorthin fahren – und am liebsten noch ein Stück weiter. Es ging weiter durch Seußlitz und Merschwitz, und von dort aus war es nur noch ein Stück bis nach Nünchritz. Ich fuhr den ausgeschilderten Radweg am Chemiewerk entlang. Der Pfad an der Elbe ist wegen einer Baustelle gesperrt. Es war wärmer geworden, aber ich konnte weder auf Handschuhe verzichten, noch irgendein anderes Kleidungsstück abwerfen. Acht Kilometer bis Riesa – das wollte ich schaffen.

Im Winter sind Radtouren nicht unmöglich, bei weitgehend schnee- und eisfreien Wegen kann man durchaus fahren. Ich bin schon nach leichtem Neuschnee nach Meißen gefahren, aber bis Riesa und zurück – das würde ich doch bleiben lassen. Deshalb genoss ich ausgiebig diesen goldenen Herbsttag und das Elbtal, das zwischen Meißen und Riesa sehr idyllisch ist. Vorbei ging es an Grödel und der Windmühle, weiter nach Moritz, wo Riesa in Sichtweite kommt. Der Elberadweg führt über einen Deich, und man kann gut nach allen Seiten sehen. Die Elbbrücke bei Riesa war Wendepunkt, aber Pause machen wollte ich erst wieder an einem der schönen Rastplätze bei Moritz oder Grödel. Es war dann schon Moritz, kurz vor halb zwölf; ich hatte die Pause nötig. Es gab einen Proteinshake und Apfelschorle. Künftig werde ich wohl nur noch Bananen, Müsliriegel und solche Shakes mitnehmen, es sei denn, ich wünsche mir etwas anderes. Wasser ist natürlich besser, aber ich hatte nicht entsprechend vorgesorgt.

Nach zehn Minuten brach ich wieder auf. Ich hatte nun Gegenwind, und der war recht frisch, so dass ich noch immer in voller Montur fahren musste. Ein paar Senioren, die mir entgegen kamen, waren allerdings angezogen, als wollten sie zum Nordpol fahren – am Nachmittag müssen sie ganz schön geschwitzt haben. Immer mehr Radfahrerkolonnen tauchten auf, aber noch hielt sich der Verkehr in Grenzen. Bei Leckwitz – ich hatte das Chemiewerk hinter mir gelassen – zog ich eine meiner beiden Jacken aus und verstaute sie samt Handschuhen und Stirnband in meiner Packtasche. Als ich in Diesbar ankam, war es richtig warm geworden. Spaziergänger mischten sich unter die Radfahrer. Es war kurz nach halb eins. Ich machte ein paar Minuten Pause. Eine Stunde schätzungsweise bis Meißen – und dann weitersehen. Der Gegenwind machte sich bemerkbar, ich war wesentlich langsamer als auf der Hinfahrt. Es zog sich hin bis Meißen, und ich überholte nur noch ungern, wenn es gar nicht anders ging. Dann kam Meißen in Sicht. Es gibt dort eine sehr schmale Streckenführung zwischen Straße und Elbufer, durch Geländer gesäumt, wo zwei Fahrräder gerade so aneinander vorbei fahren können. Ich mag diesen Engpass überhaupt nicht und bin immer froh, wenn ich ihn hinter mir habe. Nun war schon einiger Betrieb dort, und die meisten Leute fuhren vorsichtig. Ich hatte den Großteil des Weges hinter mir, als so ein Jüngelchen mit unverminderter Geschwindigkeit auf mich zu und an mir vorbei fuhr. Ich war so weit wie möglich ausgewichen, hatte mich aber verkalkuliert, streifte das Geländer und machte mit dem Rad eine Bauchlandung, die aber, weil ich langsam gefahren war, harmlos ausfiel. Zum Glück war niemand hinter mir gewesen. Den Lenker hatte es ein Stück zur Seite gebogen, aber das ließ sich problemlos korrigieren.

An der Elbpromenade machte ich wieder Pause, diesmal auf einer Bank im Schatten. Nun war ich froh, noch ein Brötchen mitgenommen zu haben. Ich sah eine S-Bahn über die Brücke fahren. Das wäre eine Möglichkeit gewesen, nach Hause zu kommen, aber ich wollte auch das letzte Viertel der Strecke mit dem Rad zurücklegen. Nach zehn Minuten ging es weiter. Hinter Meißen war ich ziemlich geschafft. Nächste Station Coswig. Viele Radfahrer zogen an mir vorbei, was mich nicht weiter störte. Ich wollte zurück nach Dresden, sonst nichts.

Bei Niederwartha fiel mir auf, dass Fußgänger und Radfahrer bereits auf der neuen Brücke unterwegs waren. Nun wurde es richtig voll auf dem Elberadweg – so ein Gedrängel macht mir keinen Spaß mehr. Da lobe ich mir doch die Morgenstunden! Kurz vor Altkötzschenbroda stauten sich Autos und Radfahrer; es ging weder vorwärts noch rückwärts. Einige Radfahrer hatten keine Lust, zu warten, dass sich der Stau auflöste, sondern fuhren drauflos, jede Lücke ausnutzend. Ich fuhr ihnen hinterher und irgendwie da durch – ich wollte nur noch heim. Folgt man in Altkötzschenbroda den Umleitungsschildern, gelangt man auf einen Plattenweg, der zwischen Häusern und Feldern entlang führt. Wahrscheinlich hatte ich das Schild bisher übersehen. Auf die Weise kann man sich die Fahrt über die Hauptstraße sparen.

Als ich Altkaditz vor mir liegen sah, begriff ich, dass ich mein Tagesziel erreicht hatte. Zwei Kilometer noch bis nach Hause – eine Kleinigkeit. Die letzten Meter fuhr ich ganz gemütlich. Viertel vier war ich zuhause. Insgesamt habe ich knapp hundert Kilometer zurückgelegt. Zeitweise hat der Schwung gefehlt; wahrscheinlich war es zu viel an diesem Wochenende gewesen. Aber letztlich doch zu schaffen.

Samstag, 18. September 2010

18.09.2010 Dresden-Diesbar/Seußlitz und zurück

Herbstlich ist es draußen geworden. Der Baum vor dem Bürofenster hat sich rot gefärbt, und sieht man das Laub und den Himmel darüber, möchte man am liebsten nach draußen, zu einer Wanderung aufbrechen, anderes tun als Aufträge zu bearbeiten und Anrufe entgegen zu nehmen. So ging es mir am Freitag, als das Wochenende schon in Sicht war, und ich begann, Pläne zu machen. Gern wäre ich ins Gebirge gefahren, kam dann aber doch auf etwas Anderes: ich sehnte mich nach meinem Lieblingsabschnitt des Elberadwegs.

Um Fünf stand ich auf und fuhr dreiviertel Sieben los. Der Familie hinterließ ich eine aufgeräumte Küche und einen gedeckten Frühstückstisch; am Vorabend hatte ich gekocht und Kuchen gebacken. Ich bin immer ganz froh, wenn all das erledigt ist, ehe ich aufbreche. Mein Mann sollte nach der Spätschicht erst einmal ausschlafen können – deswegen keine Wanderung, sondern Radfahren.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch ihr Schein ließ die Häuserdächer orangerot strahlen und der Osthimmel war rosa gefärbt. Die Morgenstunden sind oft die schönsten vom Tag, und deshalb bin ich gern früh unterwegs. Bei Radebeul ist ein Teil des Elberadwegs wegen Deichbauarbeiten gesperrt. Ich nahm die ausgeschilderte Umleitung über die Kötzschenbrodaer Straße. Früh am Morgen fuhr es sich dort noch gut; auf dem Rückweg war es bereits unangenehm wegen der vielen Autos, die unterwegs waren, vor allem aber wegen der Fahrer, die rücksichtslos drängelten und den Radfahrern viel zu nahe kamen. Diese Umleitung ist eine Gefahrenquelle – im Berufsverkehr mag ich mir das gar nicht vorstellen! - und ich hoffe, dass sie bald nicht mehr nötig sein wird!

Weiter ging es durch Altkötzschenbroda, einen wunderschönen Stadtteil von Radebeul. Dort möchte man am liebsten das Rad abstellen und bummeln gehen, aber ich war ja unterwegs, um meine Kondition zu steigern, und deshalb fuhr ich weiter, traf wieder auf den Elberadweg und fuhr bald auf Niederwartha zu. Der Brückenbau hat große Fortschritte gemacht; man muss aber immer noch einen kleinen Umweg fahren, der beschildert ist.

Ich hatte vor, in jedem Fall bis Meißen zu fahren, wünschte mir aber, noch ein Stück weiter zu kommen. Es sah nach einem freundlichen Spätsommertag aus, der Himmel war stellenweise blau. Ein Feld mit Sonnenblumen breitete sich rechts von mir aus, die Blumen leuchteten intensiv in der Morgensonne. Der Wind wehte mir aus westlicher Richtung entgegen. Gegenwind hat den Vorteil, dass man seine Kräfte besser einteilt. Außer mir waren nur wenige Fahrer unterwegs, junge Männer in sportlicher Montur oder Einheimische, die vermutlich zu ihren Gärten fuhren. Die jungen Männer zogen schnell an mir vorbei; ich begnügte mich damit, die Einheimischen zu überholen, wenn sie mir zu langsam waren. Ich wollte ausdauernd fahren und dachte dabei an die Worte, mit denen uns unsere Yoga-Lehrerin immer ermahnt: jeder achte auf sich selbst und versuche nicht, mit anderen zu konkurrieren. Ich finde diese Aufforderung sehr wichtig und hilfreich, denn wenn es überhaupt einen Widersacher gibt, mit dem man sich auseinanderzusetzen hat, dann den, der in einem selber steckt.

Der Wind kräuselte das Wasser zu den vielfältigsten Kreiseln und Strömungen, dann aber, hinter Coswig, wurde die Elbe auf einmal ganz glatt und ruhig, und der Himmel spiegelte sich in ihr. Vor Meißen weitet sich das Elbtal. Ich halte gern dort an, um diese Weite zu genießen, dem Wind zu lauschen und nach oben zu den Wolken zu schauen, und auch dieses Mal sah ich mich nach allen Seiten um und fand den Ort und die Wirkung, die von ihm ausgeht, sehr ergreifend.

Diesen Abschnitt des Elberadwegs zu fahren, ist für mich, wie nach Hause zu kommen; ich habe die Tour auch schon beschrieben. Je näher ich der Stadt Meißen kam, desto mehr kam ich im Draußen-Sein, im Unterwegs-Sein an - und konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen.

Die Kleingärten am Wegrand waren hübsch anzusehen, die Dahlien standen in voller Pracht, Äpfel, Pflaumen und Quitten reiften, und ich erinnerte mich an unseren Blumen- und Gemüsegarten, den wir längst abgegeben haben. Manchmal denke ich, dass so ein Nutzgarten viele Vorteile hat und auch Freude macht, aber hätten wir ihn noch, fände ich keine Zeit für Touren. Also doch lieber Radfahren und aufs Gärtnern verzichten.

Hinter Meißen machte ich die erste kurze Pause und hatte einen schönen Blick zurück auf Dom und Albrechtsburg. Die zurückgelegten Kilometer – etwas über zwanzig – spürte ich bereits. Diera-Zehren war das nächste Ziel, das ich gern erreichen wollte, aber ich sah noch ein Stück weiter Richtung Diesbar und dachte mir: das schaffe ich doch. Vorbei ging es an Weinbergen, wo Leute schon bei der Arbeit waren. Diera-Zehren war bald erreicht. Dort kreisten drei Rotmilane über mir. Zwei von ihnen waren recht groß, einer war kleiner, aber sie alle waren ziemlich beeindruckend mit ihren ausgebreiteten Schwingen und den gegabelten Schwänzen. An der Elbe zwischen Meißen und Riesa kann man sie relativ häufig beobachten.

Ein Schild zeigte 17 Kilometer bis Riesa an, dorthin wollte und konnte ich mit Sicherheit nicht fahren, aber Diesbar-Seußlitz war nun ein realistisches Ziel. In Nieschütz hatte ich auf einmal wieder viel Schwung – solche Phasen gibt es immer mal, wenn man unterwegs ist. Bewegung im Freien kann sehr viel Energie spenden. In den vergangenen Wochen habe ich oft gedacht, Leistungseinbußen hinnehmen und einen allgemeinen Verfall akzeptieren zu müssen. Wahrscheinlich habe ich wieder einmal zu schwarz gesehen, denn einiges kann man gewiss tun, um fit zu bleiben. Mit einigen Veränderungen wird man sich wohl abfinden müssen. Unterwegs begann ich mir zu wünschen, bis zum letzten Atemzug aktiv zu sein. Ist das vermessen?

Der Elbbogen bei Diesbar kam in Sicht und bald auch der Ort selbst, idyllisch gelegen und von Felsen umgeben. Während ich mich umsah, erblickte ich einen Raubvogel, der über das Wasser flog. So groß, wie er war, hatte ich ihn kurzzeitig für einen Storch gehalten, aber mir wurde schnell klar, dass es keiner sein konnte. Er war größer als die Milane, die ich kurz zuvor gesehen hatte, sehr kräftig, mit weißem Kopf und Hals und hellen Schwanzfedern. Das musste ein Seeadler sein! Er flog direkt auf den nächsten Felsen zu, wo er landete und sitzen blieb, um das Elbtal zu überblicken. Fasziniert hielt ich einen Moment an, um ihn zu beobachten. Es ist bekannt, dass es in der Gegend um Meißen Seeadler gibt, und ich habe mir schon oft gewünscht, einen zu sehen. Bisher hatte ich nur einmal in der Gegend um Moritzburg so ein seltenes Exemplar beobachten können.

Da er sich nicht von der Stelle rührte, fuhr ich weiter nach Diesbar, um dort kurz Rast zu machen. Den Felsen ließ ich nicht aus den Augen. Ich war von dem Erlebnis so euphorisiert, dass auch eine Rückfahrt mit heftigem Gegenwind oder im strömenden Regen an meinem Glücksempfinden nichts geändert hätte. Als ich umkehrte und mich wieder dem Felsen näherte, war der Seeadler nicht mehr zu sehen.

Bei der Rückfahrt hielt ich ein gleichmäßiges Tempo und machte noch drei kurze Trinkpausen, was für eine solche Tour recht häufig war. Die Kondition muss eben erst wieder aufgebaut werden. Die ersten größeren Gruppen von Radfahrern kamen mir entgegen. Hinter Meißen traf ich immer öfter auf Radler, meist Touristen, die regelmäßig anhielten und Fotos machten, was ich gut verstehen kann. Ich hatte dieses Mal keine Kamera mitgenommen, weil ich so zügig wie möglich fahren wollte, schätzte mich aber glücklich, so eine malerisch schöne Gegend in unmittelbarer Nähe zu haben. Und ich freute mich über die zurückgelegte Strecke. Knapp 65 Kilometer müssen es gewesen sein, mein Ego hat sie gebraucht, zugegebenermaßen. Eine Genießer-Tour war es aber trotzdem – oder gerade deswegen.

Sonntag, 12. September 2010

11.09.2010 Dresden-Volkersdorf-Rähnitz-Dresdner Heide und zurück

Es kommt mir selber unwahrscheinlich vor: dies war tatsächlich meine erste richtige Radtour, seit wir Mitte Juni auf dem Elberadweg unterwegs waren. Am vergangenen Wochenende bin ich eine reichliche Stunde Rad gefahren, die ich eher als Vorbereitung verstand. Außerdem wurde ich in Radebeul durch eine Sperrung des Elberadweges frühzeitig gestoppt und habe mir in Konsequenz daraus eine Tour Richtung Moritzburg vorgenommen.

Gegen 8 Uhr fuhr ich los. Man merkt, dass die Tage kürzer geworden sind; die Sonne geht erst nach halb sieben auf, und vorher kam ich nicht aus dem Bett.

Die Richtung stand fest; ich wollte in Moritzburg wieder einmal meine Lieblingsmotive fotografieren und dann nach Radeburg weiterfahren. Am Boxdorfer Berg herrschte starker Verkehr. Ich schob mein Rad hinauf; das ist, im Unterschied zur Fahrt mit dem Bus, auch eine Art Training. Training ist momentan das Stichwort oder eher ein Motto, das nicht nur am Wochenende gilt, und begonnen hat es mit jener Stunde Radfahren am vergangenen Samstag. Auch Wandern oder ein längerer Spaziergang dürfen es sein: irgendein Ausdauersport am Wochenende gehört zum Programm, das ich mir erstellen ließ. Ich habe mich dazu entschlossen, mich ab und an mit einem Trainer abzusprechen, neue Ziele abzustecken und sachkundigen Rat einzuholen, denn nicht immer kann man Motivation nur aus sich selbst beziehen.

In Boxdorf angekommen, hat man das Elbtal verlassen, und die Fahrt auf der Alten Dresdner Straße bietet Ausblicke bis ins Lausitzer Bergland. Dort kann man streckenweise das Rad einfach rollen lassen, den Fahrtwind im Gesicht spüren und in die Ferne schauen. Die Straße führt weiter an den Waldteichen vorbei; man kann an mehreren Stellen nach Moritzburg abbiegen. Waldwege sind nach Regenfällen eher nicht zu empfehlen, und deshalb wollte ich eine Straße nehmen, die einen weiten Bogen durch den Wald macht, gut befahrbar ist und direkt in den Ort führt. Leider war die Straße gesperrt, und ich entschied mich für eine andere Route, fuhr weiter auf der Landstraße nach Volkersdorf hinein. Dort wandte ich mich nach rechts Richtung Dresden, was nicht hieß, dass ich schon umzukehren beabsichtigte. Kurz nach dem Ortsausgang biegt auf der linken Seite ein Feldweg ab. Man sieht schon von weitem, dass er unter der Autobahn hindurch führt. Dies ist nach meiner Kenntnis der kürzeste Radweg zwischen Moritzburg/Volkersdorf und der Dresdner Heide. Er ist nicht ausgeschildert; ich hatte ihn nach Vororientierung an Hand der Radwanderkarte einmal ausprobiert. In besonders gutem Zustand ist dieser Weg nicht: sandig, holprig und voller größerer Schottersteine, denen man besser ausweicht. Er führt in ein Wäldchen hinein, wo er eine weitere Autobahntrasse überquert. Die interessante Streckenführung wiegt die Unannehmlichkeiten des Weges einigermaßen auf. Der Weg scheint weniger bekannt zu sein; man trifft nur selten auf andere Radfahrer oder Spaziergänger. Er führt direkt zum Flughafen.

Als ich in das Wäldchen fuhr, hörte ich ein Flugzeug über mir, konnte es jedoch nicht sehen. Ich hoffte aber, noch mehr Flugzeuge starten oder landen zu sehen. Bald kam ich aus dem Wald heraus, fuhr ein Stück bergauf und fand mich nach einigen Metern am Flughafengelände wieder; der Weg führt direkt am Zaun entlang. Ich fuhr um das Gelände herum und hielt neben der Einflugschneise an, aber kein Flugzeug war weit und breit zu sehen oder zu hören. An anderen Tagen hatte ich mehr Glück; die Flieger kommen einem dort sehr nahe. Bei sonnigem Wetter und blauem Himmel ist das eine gute Gelegenheit, ein wenig zu träumen. Der Dresdner Flughafen ist angenehm überschaubar, modern und hat eine schöne Besucherplattform. Bei der Wahl eines ferneren Urlaubsziels spielt es für uns durchaus eine Rolle, ob wir von Dresden aus fliegen können. Träume, das ist mir in letzter Zeit klar geworden, sind allein schon ihrer motivierenden Wirkung wegen wichtig. Manche lassen sich sogar realisieren, und bei diesem Gedanken freute ich mich auf den bevorstehenden Urlaub in ein paar Wochen.

Da sich am Flughafen nichts tat, fuhr ich weiter nach Rähnitz. Dort musste ich eine stark befahrene Straße überqueren, was sich als etwas schwierig erwies. Offensichtlich war das ganze Umland nach Dresden unterwegs. Irgendwann klappte es dann doch, und ich fuhr weiter nach Weixdorf und hinter dem dortigen Waldbad in die Heide hinein, froh, die Landstraßen hinter mir lassen zu können. Wenn die Straßen zu voll sind, ist eine Fahrt durch die Heide immer eine gute Alternative. Das Waldbad Weixdorf, ein Naturbad, ist zur Erholung und zum Erfrischen durchaus zu empfehlen, aber für dieses Jahr kommt das wohl nicht mehr in Frage.

Die Strecke war bislang abwechslungsreich und hügelig gewesen und würde es auch bleiben. Ich war zufrieden und guter Dinge. In den vergangenen Wochen waren Kondition und Motivation auf dem Tiefpunkt gewesen, gesundheitliche Probleme hatten sich gehäuft in diesem Jahr, und ich kann nicht einmal sagen, was nun Ursache und was Wirkung war; vermutlich spielte Verschiedenes ineinander. Zeitweise aufs Radfahren verzichten zu müssen, hat den Mut ziemlich sinken lassen; schließlich ist mir das Rad viel mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Aber nun gibt es neue sportliche Ziele sowie ein gutes und, was noch wichtiger ist, realistisches Trainingsprogramm.

Wieder auf Tour zu sein, fühlte sich richtig gut an. Ich konnte in die Pedalen treten, mich anstrengen und kam auch die meisten Hügel hinauf. Zwischen Weixdorf und Langebrück ist die Heide sehr ruhig; ich fuhr Richtung Hofewiese, um sie von Norden nach Süden zu durchqueren. Nachdem ich die Langebrücker Straße überquert hatte, kam ich zu weit nach rechts von meiner Route ab, denn irgendwann befand ich mich auf dem Weg, der durch unser Pilzgebiet führt. Dieser Umweg war kein Problem: ich fuhr ein Stück zurück, widerstand der Versuchung, nach Pilzen zu schauen, und bog an unserer gewohnten Kreuzung Richtung Hofewiese ab. Von dort aus ging es hinunter ins Prießnitztal; wieder eine flotte Talfahrt, der ein Anstieg folgte, wo ich schieben musste. Sogar am Steinpilzwald war ich vorbei gefahren. Für den folgenden Tag hatten wir ohnehin eine Pilzwanderung geplant, so dass ich mich gut aufs Training konzentrieren konnte. An der Marienallee verließ ich die Heide, überquerte die Stauffenbergallee und fuhr die Forststraße entlang bis zur Bautzener Straße, die ich am Diakonissenkrankenhaus überquerte. Ich fuhr zur Elbe hinunter und weiter auf der Neustädter Seite nach Hause. Dabei hatte ich Gelegenheit, über die neue Molenbrücke zu fahren, die seit ihrer Eröffnung in der vergangenen Woche von zahlreichen Fußgängern und Radfahrern gern genutzt wird. Ich freue mich über diese Brücke nicht nur, weil ich sie täglich auf meinem Weg zur Arbeit überqueren kann, sondern vor allem, weil sie den Elberadweg ein Stück attraktiver und komfortabler macht. Nach den schlechten Entscheidungen in Sachen Brückenbau verfügt Dresden nun über eine wirklich vorzeigbare Brücke, eine hübsche, kleine Attraktion.

Drei Stunden war ich an diesem Tag unterwegs gewesen, zwischen 30 und 35 Kilometer gefahren; belastungsmäßig hat es genau gepasst. Und wenn ich mir auch weitere Touren wünsche – froh und glücklich bin genau jetzt über diese eine.

Donnerstag, 24. Juni 2010

15.6.-18.6.2010: Magdeburg - Dresden

Wir sind die erste Mehrtagestour gefahren, und weil der Umfang die Möglichkeiten eines Blogeintrags gewaltig sprengen würde, sei auf diesen Reisebericht verwiesen.

Samstag, 12. Juni 2010

11.06.2010 Dresden – Pirna und zurück

Tja – so richtig Kilometer schaffen wollte ich dieses Mal nicht. Dennoch hatte ich vor, dieser kurzen Radtour einen Eintrag zu widmen. Meist gibt es so viel über den Verlauf der Tour zu berichten, dass für all das, was ich sonst noch erzählen möchte, wenig Raum bleibt.

Aufgewacht war ich gegen sechs Uhr – ich hatte mir nicht den Wecker gestellt – , aber aufstehen mochte ich zunächst nicht. Am Vorabend war ich länger als gewohnt aufgeblieben. Normalerweise bin ich Frühaufsteherin, doch im Juni, wenn die Tage kürzer sind, bin ich auf Sommer eingestellt und würde mir gern mehr Leichtigkeit, Freiheit und Abweichungen vom normalen Rhythmus gestatten – hin und wieder zumindest. An Werktagen ist das leider ausgeschlossen, da muss ich hundertprozentig fit sein. In den letzten Wochen sind mir ohnehin zu viele Fehler bei der Arbeit unterlaufen: Zeit also, Urlaub zu machen.

Für einen Urlaubstag stand ich recht früh auf, weil diese Tour nicht nur meinem Vergnügen dienen, sondern einen praktischen Zweck erfüllen sollte. Aber ich ging es ruhig an, erledigte noch ein paar Kleinigkeiten und frühstückte mit Sohn Nr. 3, der ebenfalls frei hatte.
Kurz nach halb acht fuhr ich los. Es war sonnig und warm, und der Tag sollte richtig heiß werden.

Um die Natur erwachen zu sehen, war es viel zu spät. Ich rechnete auch mit Andrang auf dem Elberadweg; aus diesem Grund verlasse ich die Stadt ungern in östlicher Richtung. Ungeachtet des lebhaften Verkehrs auf dieser Strecke ist der Weg oft sehr schmal. Ich hatte die Wahl gehabt, mit der S-Bahn oder mit dem Rad nach Pirna zu fahren, aber die Entscheidung für das Rad war schnell getroffen.

Wegen der zu erwartenden Hitze fuhr ich ganz gemütlich. Der Berufs-Radverkehr war größtenteils schon durch, aber die ersten Radtouristen waren bereits auf dem Weg. Allerdings begegneten mir kaum Kolonnen, nur einzelne Fahrer oder Paare, fast alle wirkten froh und entspannt, und niemand behinderte den anderen.

An der Baustelle der Waldschlösschenbrücke machte ich ein Foto. Während ich dort stand und mit dem Auslöser beschäftigt war, rief mir einer im Vorbeifahren zu, dass ich mich schämen sollte, dieses hässliche Ding auch noch zu fotografieren. Er war viel zu schnell weg, als dass ich ihm hätte antworten können.

Hallo? Wo steht geschrieben, dass man nur Schönes fotografieren darf? Ich habe gegen diese Brücke gestimmt und sehe keinen Grund, mich zu schämen. Die Brückenbefürworter werden sich ihrer Entscheidung wohl auch nicht schämen. Die Autofahrerlobby hat sich durchgesetzt, das Ding wird gebaut. Ob hässlich oder nicht, die entstehende Brücke gehört bereits zum Stadtbild. Für mich ist sie Ausdruck von Ambivalenz, ein Gegenstück zur anmutig strahlenden Frauenkirche, die mir oft vorkommt, als könnte sie sich auflösen wie Zuckerguss.

Als ich die Elbschlösser fotografierte, sah ich durchweg freundliche Blicke auf mich gerichtet. Wahrscheinlich ist das typisch sächsisch: erst so ein Ding verzapfen und es dann nicht wahrhaben wollen.

Ich fuhr weiter und dachte nicht länger über das Erlebnis nach, was mir relativ leicht fiel, da ich auf dem Rad sehr bald friedlich wurde. Statt dessen reflektierte ich die Lektüre vom Vorabend: „Radfahren“, ein Büchlein von Michael Klonovsky. Dass sich etliche Leute schreibend über das Radfahren auslassen, hatte ich bisher noch nicht gewusst.

In Laubegast saßen die ersten Gäste auf der Terrasse eines Cafés. Eine Reihe von Schwänen überquerte die Elbe. Angenehm frisch war es in Flussnähe, und auf einmal fühlte ich mich an Ferien an der Ostsee erinnert. Sommer und der Geruch des Wassers, Urlaubsstimmung – und ich war doch faktisch noch zuhause. Da war es abgestreift, das Pflichtenkorsett, und dieses Gefühl war wunderbar.

Froh und leichten Mutes radelte ich an Kleinzschachwitz vorbei, fotografierte die Kirche „Maria am Wasser“ in Hosterwitz, genoss den Blick zum Pillnitzer Schloss auf der anderen Elbseite, und zwischen Zschieren und Heidenau, wo man die Stadt wirklich hinter sich lässt, gefiel es mir so gut, dass ich mich am liebsten am ruhigen, vom Weg etwas abgelegenen Ufer niedergelassen hätte. Aber dann sah ich schon die Häuser auf dem Sonnenstein vor mir auftauchen: Pirna war in Sichtweite und bald darauf erreicht. Am Elbeparkplatz bog ich ab und wandte mich Richtung Altstadt. Ich landete in der Fußgängerzone und stieg vom Rad. Die Altstadt von Pirna ist sehr schön, und mir fiel ein, wie lange ich mir schon einen Bummel dort vorgenommen habe. Aber auch dieses Mal wurde nichts daraus; ich wollte mittags wieder zuhause sein.

Außerhalb der Fußgängerzone ist die Stadt vom Verkehr verstopft; ich sah zu, dass ich mein Ziel erreichte. Ich musste ein bisschen suchen, um die Einfahrt zum Baumarkt zu finden, aber schließlich entdeckte ich sogar einen Fahrradständer, wo ich mein Rad lassen konnte. Den gewünschten Geschenkgutschein hatte ich schnell erworben und konnte den Heimweg antreten. Dieses Mal fand ich eine kürzere Fahrstrecke hinunter zur Elbe.

Es war nun heiß und windig, und der Wind wehte mir entgegen. Während ich dagegen an strampelte, dachte ich immer wieder über das Buch von Michael Klonovsky nach. Der Autor ist seiner Selbstauskünfte nach ein Hedonist durch und durch. Seine Auffassungen teile ich stellenweise, öfter bin ich geneigt, ihm zu widersprechen. Es wäre ja schlimm, wenn sich sämtliche Radfahrer in ihren Beweggründen und ihrem Fahrverhalten gleichen würden. Sein Schreibstil gefällt mir sehr gut; er ist amüsant, selbstironisch und ein wenig provokativ, auch eine gewisse Bescheidenheit oder eher die Fähigkeit, sich selbst wieder herunterzuholen, sprechen für das Buch und den Verfasser. Als Reiselektüre taugt das Büchlein nur dann, wenn man wenig Zeit zum Lesen aufbringen möchte: es ist einfach zu mitreißend und zu kurzweilig, als dass man sich tagelang darin vergraben oder gar verlieren könnte.

Als ich wieder nach Dresden hinein fuhr, freute ich mich auf zuhause und hatte kein Bedürfnis, mich länger auszupowern, was gewiss der Temperatur geschuldet war: das Thermometer zeigte 28 Grad im Schatten an. Es sollte noch auf 31 Grad steigen – ich hoffe, keiner der Radtouristen ist unterwegs aus dem Sattel gekippt.

Fotos